Sonntag, 29. April 2007

Leider nein

Die alltägliche Physik des Unglücks, Marisha PesslDas auffälligste, schönste und klügste Debüt seit Jonathan Safran Foers "Alles ist erleuchtet". New York Times


Natürlich: derartige Worte locken und betäuben, sie sind zu nichts anderem nütze und auch ich habe neugierig zugegriffen, da ich das erwähnte Buch von Jonathan Safran Foer (ein Geschenk) während der Lektüre zu schätzen lernte.

Anders erging es mir mit Marisha Pessls Debut "Die alltägliche Physik des Unglücks" (selbst der Titel ist noch bestechend), das dem Hype von Verlag und Buchmarkt (auf dem Buchrücken ein begeisterter Jonathan Franzen) meiner Meinung nach nicht annähernd gerecht werden kann. Ich habe nun nicht vor wie viele andere Rezensenten die Zitierwut der Autorin und die Langatmigkeit des Romanes zu kritisieren; auch die Handlung bleibt bis zum (abstrusen, aber glaubwürdigen) Ende hin gut nachvollziehbar. Und dennoch: Die aufgebauten Spannungsbögen brechen immer wieder unvermittelt ab (nach einem gelungenen Einstieg, für den hauptsächlich eine mysteriöse Tote verantwortlich ist, verliert die Geschichte an Schwung und kann erst gegen Ende des Romans wieder aufholen); es ist kein wirklicher Krimi, keine wirkliche Milieustudie, kein großartiger Einblick in das unstete Leben einer sechzehnjährigen Hochbegabten. Die Figuren sind zu oberflächlich gezeichnet, auch wenn die Autorin stellenweise zu sehr detaillierten Situationsbeschreibungen neigt: sie bleiben Hüllen, Stereotyp, Vorurteil und Klischee oder Rätsel (wobei ich letzterem den Vorzug gebe). Die einzige Person, die man während der Lektüre kennen und schätzen lernt, die sensibel und akribisch beleuchtet wird ist Gareth van Meer, Universitätsprofessor und Vater von Ich-Erzählerin Blue:

Halbwaise Blue und ihr Vater Gareth führen ein Zigeunerleben in den Vereinigten Staaten; bis zu drei Umzüge im Jahr. Das Mädchen hat keine anderen Bezugspersonen, dafür hat sie viel Zeit für Bücher und verbringt jede freie Minute mit ihrem Vater, den sie abgöttisch liebt. Das letzte Highschool-Jahr vor dem College soll anders werden: Vater und Tochter werden sesshaft. Gareth mietet ein Haus und arbeitet als Gastdozent, Blue besucht die Privatschule in St. Gallway und soll das Schuljahr über ihren Platz in Harvard sichern. Ihre Außenseiterrolle wandelt sich ins Gegenteil, als sie die Aufmerksamkeit einer kleinen Gruppe elitärer und vielbewunderter Schüler erregt, die von Lehrerin Hannah Schneider protegiert wird (Schneider wird über das Ende hinaus zum großen Fragezeichen stilisiert). Blue wird auf Drängen von Hannah "aufgenommen" und zu den wöchentlichen Treffen eingeladen (Worte zu den Dialogen werde ich mir an dieser Stelle sparen):
"Jesus", rief Jade von irgendwoher. "Was ist denn mit der los?"
Vom Fußboden ging ein breites Spektrum unterschiedlicher Wellen aus.
"Was hast du ihr zu trinken gegeben?", fragte Milton.
"Nichts. Einen Mudslinger."
"Hab ich dir nicht gesagt, du sollst ihr Milch geben?", sagte Nigel.
"Ich hab ihr einen Martini eingeschenkt", fügte Leulah hinzu.
Plötzlich lag ich auf dem Boden und blickte zu den Sternen empor.
"Meinst du, sie stirbt?", fragte Jade.
"Wir sollten sie lieber ins Krankenhaus bringen", sagte Charles.
"Oder Hannah anrufen", sagte Lu. (S. 145)

Die seltsame Lehrer-Schüler Freundschaft wird durch das Schuljahr begleitet (Gareth beginnt eine Affäre mit einer Lehrerin von Blues Schule, Blue macht zum ersten Mal Bekanntschaft mit Alkohol und Makeup, schließlich ein tödlicher Unfall auf Hannahs Kostümparty) und zuletzt vollends zerrüttet, als Hannah bei einem Campingausflug tot aufgefunden wird. Pessl beginnt den Roman mit der Eröffnung von Hannah Schneiders Tod (die Autorin sagt, sie hätte den Roman ohne dieses Szene wohl gar nicht geschrieben) und lässt die kluge Blue nach über fünfhundert Romanseiten ein Netz spinnen, das Hannahs Tod, den Unfalltod auf der Kostümparty und ihren Vater auf unangenehme Weise miteinander in Verbindung bringt. Blues kurzes Verweilen in einem geordneten Leben mit sozialen Bindungen bricht abrupt auseinander.

Blue van Meers Entwicklung vom unbedarften, gebildeten Kind zu einer selbstständigen, jungen Erwachsenen wird vage angedeutet, ihre Abgebrühtheit gegen Ende wirkt schlicht unglaubwürdig.

Beim Gedanken an das Wort "Jahrhundertbuch" überfallen mich Bauchschmerzen.

Was mir am besten von der Lektüre in Erinnerung blieb, ist leider nicht ein Satz der Autorin, sondern ein zitierter Satz der altklugen Blue (wobei ich mir hier nicht hundertprozentig sicher bin, sind die meisten Zitate aus Werken der Weltliteratur, aber auch einige fiktiv, aber immer mit Quellenangabe), die man als wandelnde Zitatsammlung bezeichnen könnte: Wir alle sind Würmer, aber ich glaube, ich bin ein Glühwürmchen. (S. 496)
Die Homepage ist einen Blick wert: Special topics in calamity physics

(Zitate aus: Die alltägliche Physik des Unglücks, Marisha Pessl. Fischer Verlag, Frankfurt, 2007)

nachtschatten

subjektiv gebuchstabt

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