Unantastbar
Die Menschen werden nicht immer an dem Tag geboren, an dem ihre Mütter sie zur Welt bringen, sondern das Leben zwingt sie dazu, sich noch einmal oder auch mehrere Male selbst zu gebären.„El amor en los tiempos del cólera“ erscheint 1985 zum ersten Mal. Im Jahre 1987 liegt die deutsche Übersetzung vor, die den Titel „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ trägt.
Postkoloniales Kolumbien, Ende des 19. Jahrhunderts: 51 Jahre, 9 Monate und 4 Tage wartet Florentino Ariza auf Fermina Daza. Der schüchterne Florentino Ariza verliebt sich unsterblich in die schöne, distanzierte Fermina Daza. Er ist regelrecht besessen davon, ihr Herz zu gewinnen und verbringt lange Zeit damit, seiner Geliebten Briefe zu schicken, die sie nur zögerlich beantwortet. Schließlich erhört sie ihn. Die stürmischen Liebesbezeugungen der beiden, die sich standesgemäß nicht alleine sehen können, enden abrupt. Fermina Daza entscheidet sich für eine Vernunftehe mit dem gut betuchten Doktor Juvenal Urbino, der später zum Mentor der Stadt ernannt wird.
In der Zwischenzeit stürzt sich Florentino Ariza frei nach dem Motto „untreu, aber nicht treulos“ in die Arme von anderen Frauen, Fermina Daza aber kann er über die Jahre nicht vergessen. Die respektvolle Ehe hält über fünfzig Jahre: Im Alter von 81 Jahren stirbt Doktor Juvenal Urbino einen tragikomischen Tod (er stürzt beim Versuch, den Papagei seiner Frau einzufangen, von einem Mangobaum). Florention Ariza ist zur Stelle, mit der festen Überzeugung, sein Vorhaben diesmal in die Tat umzusetzen und das Herz der stolzen Witwe zu erobern.
Márquez teilt den knapp 500 Seiten langen Roman in drei große Teile, in denen er die Entwicklung der drei Hauptfiguren Fermina Daza, Juvenal Urbino und Florentino Ariza bis ins hohe Alter beleuchtet. Die Milieuschilderungen und die detaillierte Beschreibung der Umgebung zählen zum Herzstück des Romans. Die zuweilen etwas eindimensionale Darstellung der Figuren vermag so den Lesegenuss nicht zu mindern. Die kulturellen, historischen und sozialen Hintergründe bilden das eindrucksvolle Gerüst des Romans, auf dem Márquez seine Liebenden auf die Irrfahrt schickt.
Kritisiert wurde Márquez nach der Erstveröffentlichung in erster Linie wegen des fehlenden Urteilens im Roman (auch: fehlende Sozialkritik). Es gibt kein Gut und Böse, kein schwarz und weiß – zu keiner Zeit richtet Márquez die politische Situation um die Jahrhundertwende. Auch seine Figuren werden keiner Wertung unterzogen, scheinbar niemals moralisch verurteilt: Die Liebe ist bei Márquez unantastbar.
In seiner Autobiographie „Leben, um davon zu erzählen“ (im Original „Vivir para contarla“) aus dem Jahr 2002 schreibt Gabriel García Márquez, „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ erzähle die Geschichte seiner Eltern. Das Schaffen des Literaturnobelpreisträgers (1982 für „Hundert Jahre Einsamkeit“) kann man zum magischen Realismus zählen.
Der Roman ist in keiner Weise realistisch angesetzt, sondern malt vielmehr das märchenhafte Bild eines Utopia der ehelichen und außerehelichen Liebe zwischen Mann und Frau.
Die Cholera, die im Titel erwähnt wird, spielt im Roman eine untergeordnete Rolle und hat ihren großen Auftritt im ironischen Vergleich, in dem Márquez ihre Symptome mit denen der Liebe und des Liebesleidens gleichsetzt. Márquez schildert die Liebe in ihren Variationen hoffnungslos romantisch und zugleich brutal ironisch als eine Krankheit, die den Menschen völlig unerwartet anfällt, ihn so sehr verändern kann, dass er sich selbst nicht mehr erkennt, um ihn dann entkräftet, mit viel Glück vielleicht sogar lebend zurückzulassen.
„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ ist nicht nur ein Hohelied auf die Liebe, wie es treffend beschrieben wird, sondern ein Hohelied auf das Leben und das Lebenwollen, beinahe auch ein Hohelied auf den Tod, der angesichts der großen Gefühle jeglichen Schrecken verliert und den die beiden Liebenden im hohen Alter mit Gelassenheit erwarten.
…und erschrak über den späten Verdacht, dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt.
(Zitate aus: Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Gabriel García Márquez. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2005)
Marcella Gruenwald - 25. Mai, 17:00
0 Kommentare - Kommentar verfassen - 0 Trackbacks


