Donnerstag, 25. Januar 2007

Hinter den Nachtschatten


von Marcella Grünwald und André Thom

02:03

Das gelbe Scheinwerferlicht treibt die Nacht vor uns her, sonst gibt es nichts, außer einer Ahnung, die mit dem aufkeimenden Licht auf der Gegenfahrbahn zu Schemen heranwächst, aufkreischt, die Schatten der Länge nach wieder ins Dunkle fallen lässt.
Rote Rücklichter kommen und gehen.
Durch die Regenschlieren auf der Fensterscheibe zeigen sie ihre Flügel, das gestauchte Licht.
Ich weiß nicht, wo ich bin, wo wir sind, wo du atmest, wo hier ist.

Ich atme, wo wir sind. Wir sind Atem und Schlaf. Die Rücklichter malen Bilder auf meine geschlossenen Lider, die treibenden Augen der Träume. Mein Denken und Fühlen ist auf sie gerichtet. Doch sie bringen nicht die ersehnte Finsternis. Der Schlaf kann seine Pflicht nicht tun neben deinem Atem. Ich weiß, dass du mich ansiehst.

Ich werde müde. Meine Gedanken bleiben hängen an jedem überholten Wagen.
Das Dunkle fällt mit jedem aufkeimendem Licht von der Gegenfahrbahn, das die Ahnung von Draußen zu Schemen heranwachsen lässt. Der Länge nach treibt das gelbe Scheinwerferlicht die aufkreischenden Schatten vor uns her. Sonst gibt es nichts.
Rote Rücklichter. Ich werde müde. Autobahn, Nervenbahn, überall, nirgendwo.
Ich höre das Brummen des Motors, dein Schlaf bleibt stumm.

Ich bleibe stumm. Statt auch nur ein Wort über meine Lippen kommen zu lassen, führe ich ein Zwiegespräch mit meinem Herzschlag. Lichter und Schatten flackern und tauchen in unseren Gesichtern. Meine Augen bleiben geschlossen. Der Schlaf hat mich hier zurückgelassen. Und ich vergesse für einen Atemzug tatsächlich, wo hier ist. Wie spät es wohl sein mag?

02:46


Zeit spielt keine Rolle, hier. Fahren ist ein Zwischendrin.
Ich schaue nicht zu dir herüber. Du hast schon schöner geschlafen.

Der Regen wird stärker, macht mich unruhig. Ich erinnere mich an irgendetwas, doch bevor ich den Gedanken festhalten kann, verschwindet er mit den Lichtern. Rauch.

Zigaretten. Rauch. Im Rachen ein Gefühl nach Sedimenten.
Das Radio geht nicht.
Regentropfen werfen das Licht der Scheinwerfer auf der Gegenfahrbahn wie Staub in meine müden Augen. Im schwarzen Himmel wachsen, wie kleine Blüten, weiße Regentropfensterne.
Scheibenwischer zeichnen ein ganz anderes Bild.

Nicht einschlafen. Erinnere dich an etwas, irgendwas.
Es ist schwer in dieser Seifenlichtblase, in denen die Schemen rasen und fallen, den Reflektionen des Gedächtnisflusses zu folgen ohne darin gleichzeitig ein Jetzt zu befühlen. Ich lausche zu dir hinüber, aber auch du bist hier.

Ich bin hier, atme deinen Atem, atme den Rauch deiner Zigarette. Ich stelle mir vor, wie müde du bist. Du weißt nicht wo du bist. Du weißt nicht, wo ich bin. Ich werde dir den Weg nicht zeigen, du bist zu spät. Was gäbe ich für nur einen Zug von deiner Zigarette. Ich blinzle. Du schenkst mir keine Beachtung. Ich zähle die Motorengeräusche der vorbeifahrenden Fahrzeuge. Ich lasse mich auf den Schlaf ein, doch er tanzt im Netzhautflimmern davon.

Bloß nicht einschlafen. Rauchen. Sedimente. Rachen.

Es regnet nicht mehr, die Scheiben beginnen zu trocknen. Das spielt keine Rolle.
Aufkeimende Lichter drehen die Schatten in Halbkreisen an uns vorüber.
Die Rücklichter haben ihre Flügel eingezogen. Das Radio bleibt stumm.

03:25

Ich schaue jetzt zu dir hinüber, du schläfst nicht mehr.
Deine Blicke folgen den Schattenschnitten einer unbeweglichen Welt.

Ich hebe die Lider. Mit müden Augen blicke ich durch die Seitenscheibe und lasse die Welt draußen an mit vorüberziehen. Dort gibt es nichts. Eine Dunkelheit voller Schatten. Alles verschmilzt. Das Radio geht nicht. Ich seufze, wende den Kopf unwillig in deine Richtung, halte inne und lausche dem Klang meiner eigenen Stimme, ich sage:

„Sind wir bald da?“, sprichst du mehr zu deinem Spiegelbild im Seitenfenster als zu mir.
Das Spiegelbild verstummt, Licht in den Haarspitzen, Augen zwischen den rasenden schwarzen Baumfassaden. Gerade war ich noch müde.
Jetzt bist du wach und mit dir alle Vorwürfe, auch meine.
Ich trete aufs Gas, aber nicht wegen dir. Ich wünschte das Radio würde wenigstens leise rauschen, aber alles was aus den Boxen kommt ist Stille.
„Nein, sind wir nicht. Wir fahren über 350 Kilometer in den Norden und das Auto ist voll beladen. Du ziehst um, schon vergessen? Du wirst dort leben und wohnen und dich bald nicht mehr an mich erinnern.“ Ich wollte das nicht sagen. Ich bin übermüdet.
Sonst gibt es nichts.

Wieso sagst du so etwas, jetzt, hier? Ich erinnere mich doch. Ich erinnere mich.

Du schaust mich nicht an. Du schaust dich an.
Vor uns her treibt die Nacht, Brandung an der gelben Küste des Scheinwerferlichts, die Schemen einer Ahnung keimen in den Lichtern auf der Gegenfahrbahn, sie lassen die Schatten in Halbkreisen kreischen und gleiten wieder zurück ins Dunkel, wo sie dem Nichts verfallen.

„Tut mir Leid. Ich werde dich dort oft besuchen.“ Ich schweige Wut, Tränen, Rauch, aber ich muss nicht einmal husten.

In den Spiegelungen sehe ich dein abgewandtes Gesicht. Du drückst die Zigarette neben dem Aschenbecher aus und merkst es zu spät. Wütende, rote Glut tropft aufgescheucht auf den Boden, du zuckst, aber belässt es dabei. Ich weiß, du willst, dass ich etwas sage, etwas, irgendetwas, aber das Schweigen zwischen uns hast du geschaffen, ich suche nur darin nach alten, längst verlorenen Worten.

03:29


03:30

drei uhr einunddreißig

zweiunddreißig

03:32

Drei Uhr und dreiunddreißig. Kein Auto weit und breit. Wie ein Boot treiben wir durch die Nacht, überall ist Nichts. Wenn ich nicht bald etwas sage versinken wir im Schwei-

„Du hast immer noch unsere Freunde, du bist ja nicht allein.“ Meine Stimme schwingt und zerbricht in der Stimmlage zwischen Flüstern und Sprechen.

„Ach, unsere dämlichen Freunde sind deine Freunde. Ich bin immer der Typ, der dein Freund ist. Mehr nicht. Anders passe ich da nicht rein.“ Ich konzentriere mich auf die Digitaluhr, die zwischen uns in den Raum leuchtet wie eine Reklametafel. Sekundenatmen. Minutenzählen. Die Stunden bleiben einfach fern.

03:34

03:35

03:36

03:37

03:38

03:38

03:38

Das Schweigen ist wieder zwischen uns. Es baut die Mauer immer höher und es macht mich beinahe wahnsinnig. Du lenkst den Wagen wie ein Irrsinniger, wie einen Kahn ohne Ruder.
Ich kann dir nicht helfen.

Ich habe eine Ahnung vom Draußen. Immer noch kein Licht außer dem unseren, das die Schatten wie eine Gischt vorantreibt. Die Scheibe ist trocken, die Straße ist eine Erscheinung hinter der porösen Staubschicht. Im Innern leuchten die Anzeigen: Tacho, Warnblinker und so weiter. Ich fühle mich wie ein Schiffbrüchiger. Ich bin müde. Dann geh doch.

Ich bin schon weiter weg, als ich dachte.

Drei Uhr Vierzig.


„Wir sind bald da.“ Ich flüstere beinahe. Huste die Worte verschluckend in den Raum.
Dabei weiß ich nicht einmal wo wir jetzt sind. Ich weiß nicht, wo hier ist.
Ich sehe das glutrote Leuchten der Uhr, aber ich weiß nicht, was das heißt: 03:41.
Das gelbe Scheinwerferlicht treibt die Nacht vor uns her, sonst gibt es nichts, außer einer Ahnung, die mit dem aufkeimenden Licht auf der Gegenfahrbahn zu Schemen heranwächst, aufkreischt und die Schatten der Länge nach wieder ins Dunkle fallen lässt.
Ich fahre, sonst gibt es nichts.

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