Ich kenne Herman Melville
Anna Mitgutschs Roman "Zwei Leben und ein Tag" ist eines der Bücher, über das ich zufällig gestolpert bin. "Es ist einen Buch über einen Außenseiter": dieser schlichte Satz (so oder so ähnlich aus dem Munde der österreichischen Autorin) reichte für mich aus, um beim nächsten Bücherkauf nicht daran vorbeizukommen. Man möchte am liebsten Seiten weise zitieren, das Buch ist trotz der eher schlicht gewählten Worte der Autorin ein wahres Schatzkästchen an denkwürdigen und "nach/denk"würdigen Wortgebilden:In der Literatur lieben wir jene, die dem Leben nicht gewachsen sind, wir finden uns selber in ihnen wieder, missverstanden und tragisch in unserem Scheitern. Stellvertretend für uns sind sie die Sündenböcke, die vom Felsen in die Wüste gestoßen werden, deren Blut vergossen wird, damit wir selber unverwundbar bleiben dürfen, auf dem Altar der Literatur werden sie an unserer Statt geopfert. Die Wirklichkeit ist weniger grandios und weniger ergreifend. (S. 128)
Edith und Leonards Ehe ist gescheitert. Lange nach der Trennung schreibt Edith Briefe an Leonard, in denen sie ihrer beider Leben Revue passieren lässt, immer präsent: Herman Melville, der leidenschaftliche und exzentrische Geist, der auf beide eine große Faszination ausübte. Wie ein Schatten begleitet er sie durch die gemeinsamen Jahre, geht zwischen ihnen als düsterer Vorbote des Wahnsinns, den das Paar auf dramatische Weise am eigenen Leib erfahren muss: ihr Sohn Gabriel ("die Kraft der Göttlichkeit") ist anders, manche nennen ihn krank, manche nennen ihn hintengeblieben.
In sechs Wochen schreibt er zwei Romane, in einem einzigen New Yorker Sommer, während die Cholera umgeht. Die manische Ungeduld, die sich in manchen Augenblicken bis zum Delirium steigert, nimmt in den Briefen an seine Verleger den Ton gehetzter Maßlosigkeit an, unverzüglich ist sein Lieblingswort, oft mischt sich unterdrückte Panik in seine Sätze, etwas verzweifelt Zwanghaftes, als gälte es, einen Wettlauf mit der Zeit oder dem Schicksal zu gewinnen. [...] Sein Absolutheitsanspruch allein ist Ärgernis genug, er passt nicht in das Raster der Gesellschaft, und nicht in die Literaturszene seiner Zeit. Melville, dem so viel Witz, soviel geistreicher Charme nachgesagt wird, gelingt es nicht, seine Reizbarkeit zu zügeln, seine Stimmungsschwankungen zu unterdrücken, mit denen er die Herren der literarischen Gesellschaft - ernsthafte Methodisten und humorlose, aber belesene Lektoren - befremdenden Wechselbädern aus Herzlichkeit und Angriffslust aussetzt. [...] Gibt es denn keinen Augenblick der Zufriedenheit, in dem er innehält und dem Schicksal dankt? (S. 131)
Edith reflektiert in ihren Briefen nicht nur ihr Leben, ihre große Liebe und das große gemeinsame Thema Melville, sie sucht Antworten auf das Anders-Sein ihres Sohnes, macht das unstete Leben und die vielen berufsbedingten Ortswechsel in seiner Kindheit mitverantwortlich für das zerbrechliche, unberechenbare Wesen Gabriels:
In jenem Frühsommer ging Gabriel nach der Schule hinters Haus und verstümmelte meinen Apfelbaum. Er schnitt ihm erst mit der Gartenzange die Zweige weg, sägte dann von oben nach unten die Äste ab, zuletzt den Wipfel. [...] Ich war zu entsetzt, um mich aufzuregen. Er schwieg. Was hätte er sagen sollen? Dass es für manches keine Worte gibt, sondern nur Gewalt? Dass er sich an etwas, das ich liebte, rächen musste für mein Verbot, sich zu wehren und seine Würde zu schützen?[...] Der Baum musste stellvertretend verstümmelt werden, damit wir in Frieden leben konnten, es wäre ein geringer Preis gewesen, wenn es dabei geblieben wäre. Ich wollte wissen, wie du reagierst, sagte er altklug, während er mir half, die Äste und Zweige einzusammeln. (S. 244 ff.)
Zwischen den Briefen: Gabriel, der das Haus der Großmutter in Österreich dem ehemaligen Liebhaber seiner nunmehr toten Mutter überlässt und sich in die Schweiz aufmacht, um seinen Vater aufzusuchen...
Ein wundervolles, ein dichtes Buch, das zwischen den Zeilen keinen Raum zum Atmen lässt. Herman Melvilles Biographie fügt sich wie von selbst in das Leben der Protagonisten, die Parallelen wirken niemals gekünstelt. Die Fragen, woran ein Mensch zerbrechen kann (Zeitgeist? Gesellschaft? Vererbung?...), ob er es muss oder man schützend eingreifen kann, ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman.
(Zitate aus: Anna Mitgutsch, Zwei Leben und ein Tag. Luchterhand Literaturverlag München, 2007)
Marcella Gruenwald - 23. Mrz, 19:00
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