Freitag, 25. Mai 2007

Unantastbar

Die-Liebe-in-den-Zeiten-der-CholeraDie Menschen werden nicht immer an dem Tag geboren, an dem ihre Mütter sie zur Welt bringen, sondern das Leben zwingt sie dazu, sich noch einmal oder auch mehrere Male selbst zu gebären.
„El amor en los tiempos del cólera“ erscheint 1985 zum ersten Mal. Im Jahre 1987 liegt die deutsche Übersetzung vor, die den Titel „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ trägt.

Postkoloniales Kolumbien, Ende des 19. Jahrhunderts: 51 Jahre, 9 Monate und 4 Tage wartet Florentino Ariza auf Fermina Daza. Der schüchterne Florentino Ariza verliebt sich unsterblich in die schöne, distanzierte Fermina Daza. Er ist regelrecht besessen davon, ihr Herz zu gewinnen und verbringt lange Zeit damit, seiner Geliebten Briefe zu schicken, die sie nur zögerlich beantwortet. Schließlich erhört sie ihn. Die stürmischen Liebesbezeugungen der beiden, die sich standesgemäß nicht alleine sehen können, enden abrupt. Fermina Daza entscheidet sich für eine Vernunftehe mit dem gut betuchten Doktor Juvenal Urbino, der später zum Mentor der Stadt ernannt wird.
In der Zwischenzeit stürzt sich Florentino Ariza frei nach dem Motto „untreu, aber nicht treulos“ in die Arme von anderen Frauen, Fermina Daza aber kann er über die Jahre nicht vergessen. Die respektvolle Ehe hält über fünfzig Jahre: Im Alter von 81 Jahren stirbt Doktor Juvenal Urbino einen tragikomischen Tod (er stürzt beim Versuch, den Papagei seiner Frau einzufangen, von einem Mangobaum). Florention Ariza ist zur Stelle, mit der festen Überzeugung, sein Vorhaben diesmal in die Tat umzusetzen und das Herz der stolzen Witwe zu erobern.

Márquez teilt den knapp 500 Seiten langen Roman in drei große Teile, in denen er die Entwicklung der drei Hauptfiguren Fermina Daza, Juvenal Urbino und Florentino Ariza bis ins hohe Alter beleuchtet. Die Milieuschilderungen und die detaillierte Beschreibung der Umgebung zählen zum Herzstück des Romans. Die zuweilen etwas eindimensionale Darstellung der Figuren vermag so den Lesegenuss nicht zu mindern. Die kulturellen, historischen und sozialen Hintergründe bilden das eindrucksvolle Gerüst des Romans, auf dem Márquez seine Liebenden auf die Irrfahrt schickt.

Kritisiert wurde Márquez nach der Erstveröffentlichung in erster Linie wegen des fehlenden Urteilens im Roman (auch: fehlende Sozialkritik). Es gibt kein Gut und Böse, kein schwarz und weiß – zu keiner Zeit richtet Márquez die politische Situation um die Jahrhundertwende. Auch seine Figuren werden keiner Wertung unterzogen, scheinbar niemals moralisch verurteilt: Die Liebe ist bei Márquez unantastbar.

In seiner Autobiographie „Leben, um davon zu erzählen“ (im Original „Vivir para contarla“) aus dem Jahr 2002 schreibt Gabriel García Márquez, „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ erzähle die Geschichte seiner Eltern. Das Schaffen des Literaturnobelpreisträgers (1982 für „Hundert Jahre Einsamkeit“) kann man zum magischen Realismus zählen.
Der Roman ist in keiner Weise realistisch angesetzt, sondern malt vielmehr das märchenhafte Bild eines Utopia der ehelichen und außerehelichen Liebe zwischen Mann und Frau.
Die Cholera, die im Titel erwähnt wird, spielt im Roman eine untergeordnete Rolle und hat ihren großen Auftritt im ironischen Vergleich, in dem Márquez ihre Symptome mit denen der Liebe und des Liebesleidens gleichsetzt. Márquez schildert die Liebe in ihren Variationen hoffnungslos romantisch und zugleich brutal ironisch als eine Krankheit, die den Menschen völlig unerwartet anfällt, ihn so sehr verändern kann, dass er sich selbst nicht mehr erkennt, um ihn dann entkräftet, mit viel Glück vielleicht sogar lebend zurückzulassen.
„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ ist nicht nur ein Hohelied auf die Liebe, wie es treffend beschrieben wird, sondern ein Hohelied auf das Leben und das Lebenwollen, beinahe auch ein Hohelied auf den Tod, der angesichts der großen Gefühle jeglichen Schrecken verliert und den die beiden Liebenden im hohen Alter mit Gelassenheit erwarten.

…und erschrak über den späten Verdacht, dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt.

(Zitate aus: Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Gabriel García Márquez. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2005)

Dienstag, 22. Mai 2007

Mit allen Sinnen

Pod-z-Blitz-Banner
de rêve / pathetique gibt es seit heute zusammen
mit anderen Lyrik-Rezitationen von Perkampus gelesen in Pod-z-Blitz Nr. 7.

Dienstag, 8. Mai 2007

de rêve / pathetique


(wandt’ den kopf zum augenblick
und hielt zu lange stand)


ging an den ort, an dem ich niemals war
schwieg in den raum, den ich nicht sah
atmete vertrautfremd volltrunken
namen, gesichter. vollendung!
vollendung -
dem rinnsal ein meer


(wandt’ den kopf aus der schlinge,
drahtseilakt)

drehte und drehte
stets taub, niemals blind
füllsel,
nicht mehr


(wandt’ mich stets unter meinen händen nur)

doch, ach!
: bin schon nicht mehr, was andre verlangen

der teufel tauft’ mich heiliger noch
als jeder andre mann

Sonntag, 29. April 2007

Leider nein

Die alltägliche Physik des Unglücks, Marisha PesslDas auffälligste, schönste und klügste Debüt seit Jonathan Safran Foers "Alles ist erleuchtet". New York Times


Natürlich: derartige Worte locken und betäuben, sie sind zu nichts anderem nütze und auch ich habe neugierig zugegriffen, da ich das erwähnte Buch von Jonathan Safran Foer (ein Geschenk) während der Lektüre zu schätzen lernte.

Anders erging es mir mit Marisha Pessls Debut "Die alltägliche Physik des Unglücks" (selbst der Titel ist noch bestechend), das dem Hype von Verlag und Buchmarkt (auf dem Buchrücken ein begeisterter Jonathan Franzen) meiner Meinung nach nicht annähernd gerecht werden kann. Ich habe nun nicht vor wie viele andere Rezensenten die Zitierwut der Autorin und die Langatmigkeit des Romanes zu kritisieren; auch die Handlung bleibt bis zum (abstrusen, aber glaubwürdigen) Ende hin gut nachvollziehbar. Und dennoch: Die aufgebauten Spannungsbögen brechen immer wieder unvermittelt ab (nach einem gelungenen Einstieg, für den hauptsächlich eine mysteriöse Tote verantwortlich ist, verliert die Geschichte an Schwung und kann erst gegen Ende des Romans wieder aufholen); es ist kein wirklicher Krimi, keine wirkliche Milieustudie, kein großartiger Einblick in das unstete Leben einer sechzehnjährigen Hochbegabten. Die Figuren sind zu oberflächlich gezeichnet, auch wenn die Autorin stellenweise zu sehr detaillierten Situationsbeschreibungen neigt: sie bleiben Hüllen, Stereotyp, Vorurteil und Klischee oder Rätsel (wobei ich letzterem den Vorzug gebe). Die einzige Person, die man während der Lektüre kennen und schätzen lernt, die sensibel und akribisch beleuchtet wird ist Gareth van Meer, Universitätsprofessor und Vater von Ich-Erzählerin Blue:

Halbwaise Blue und ihr Vater Gareth führen ein Zigeunerleben in den Vereinigten Staaten; bis zu drei Umzüge im Jahr. Das Mädchen hat keine anderen Bezugspersonen, dafür hat sie viel Zeit für Bücher und verbringt jede freie Minute mit ihrem Vater, den sie abgöttisch liebt. Das letzte Highschool-Jahr vor dem College soll anders werden: Vater und Tochter werden sesshaft. Gareth mietet ein Haus und arbeitet als Gastdozent, Blue besucht die Privatschule in St. Gallway und soll das Schuljahr über ihren Platz in Harvard sichern. Ihre Außenseiterrolle wandelt sich ins Gegenteil, als sie die Aufmerksamkeit einer kleinen Gruppe elitärer und vielbewunderter Schüler erregt, die von Lehrerin Hannah Schneider protegiert wird (Schneider wird über das Ende hinaus zum großen Fragezeichen stilisiert). Blue wird auf Drängen von Hannah "aufgenommen" und zu den wöchentlichen Treffen eingeladen (Worte zu den Dialogen werde ich mir an dieser Stelle sparen):
"Jesus", rief Jade von irgendwoher. "Was ist denn mit der los?"
Vom Fußboden ging ein breites Spektrum unterschiedlicher Wellen aus.
"Was hast du ihr zu trinken gegeben?", fragte Milton.
"Nichts. Einen Mudslinger."
"Hab ich dir nicht gesagt, du sollst ihr Milch geben?", sagte Nigel.
"Ich hab ihr einen Martini eingeschenkt", fügte Leulah hinzu.
Plötzlich lag ich auf dem Boden und blickte zu den Sternen empor.
"Meinst du, sie stirbt?", fragte Jade.
"Wir sollten sie lieber ins Krankenhaus bringen", sagte Charles.
"Oder Hannah anrufen", sagte Lu. (S. 145)

Die seltsame Lehrer-Schüler Freundschaft wird durch das Schuljahr begleitet (Gareth beginnt eine Affäre mit einer Lehrerin von Blues Schule, Blue macht zum ersten Mal Bekanntschaft mit Alkohol und Makeup, schließlich ein tödlicher Unfall auf Hannahs Kostümparty) und zuletzt vollends zerrüttet, als Hannah bei einem Campingausflug tot aufgefunden wird. Pessl beginnt den Roman mit der Eröffnung von Hannah Schneiders Tod (die Autorin sagt, sie hätte den Roman ohne dieses Szene wohl gar nicht geschrieben) und lässt die kluge Blue nach über fünfhundert Romanseiten ein Netz spinnen, das Hannahs Tod, den Unfalltod auf der Kostümparty und ihren Vater auf unangenehme Weise miteinander in Verbindung bringt. Blues kurzes Verweilen in einem geordneten Leben mit sozialen Bindungen bricht abrupt auseinander.

Blue van Meers Entwicklung vom unbedarften, gebildeten Kind zu einer selbstständigen, jungen Erwachsenen wird vage angedeutet, ihre Abgebrühtheit gegen Ende wirkt schlicht unglaubwürdig.

Beim Gedanken an das Wort "Jahrhundertbuch" überfallen mich Bauchschmerzen.

Was mir am besten von der Lektüre in Erinnerung blieb, ist leider nicht ein Satz der Autorin, sondern ein zitierter Satz der altklugen Blue (wobei ich mir hier nicht hundertprozentig sicher bin, sind die meisten Zitate aus Werken der Weltliteratur, aber auch einige fiktiv, aber immer mit Quellenangabe), die man als wandelnde Zitatsammlung bezeichnen könnte: Wir alle sind Würmer, aber ich glaube, ich bin ein Glühwürmchen. (S. 496)
Die Homepage ist einen Blick wert: Special topics in calamity physics

(Zitate aus: Die alltägliche Physik des Unglücks, Marisha Pessl. Fischer Verlag, Frankfurt, 2007)

Freitag, 23. März 2007

best of blogging 03/07


Sentenza kann man nun auch auf der Website der österreichischen Zeitschrift Datum - Seiten der Zeit in der Rubrik "Best of Blogging" lesen.

Ich kenne Herman Melville


Zwei-Leben-und-ein-TagAnna Mitgutschs Roman "Zwei Leben und ein Tag" ist eines der Bücher, über das ich zufällig gestolpert bin. "Es ist einen Buch über einen Außenseiter": dieser schlichte Satz (so oder so ähnlich aus dem Munde der österreichischen Autorin) reichte für mich aus, um beim nächsten Bücherkauf nicht daran vorbeizukommen. Man möchte am liebsten Seiten weise zitieren, das Buch ist trotz der eher schlicht gewählten Worte der Autorin ein wahres Schatzkästchen an denkwürdigen und "nach/denk"würdigen Wortgebilden:

In der Literatur lieben wir jene, die dem Leben nicht gewachsen sind, wir finden uns selber in ihnen wieder, missverstanden und tragisch in unserem Scheitern. Stellvertretend für uns sind sie die Sündenböcke, die vom Felsen in die Wüste gestoßen werden, deren Blut vergossen wird, damit wir selber unverwundbar bleiben dürfen, auf dem Altar der Literatur werden sie an unserer Statt geopfert. Die Wirklichkeit ist weniger grandios und weniger ergreifend. (S. 128)

Edith und Leonards Ehe ist gescheitert. Lange nach der Trennung schreibt Edith Briefe an Leonard, in denen sie ihrer beider Leben Revue passieren lässt, immer präsent: Herman Melville, der leidenschaftliche und exzentrische Geist, der auf beide eine große Faszination ausübte. Wie ein Schatten begleitet er sie durch die gemeinsamen Jahre, geht zwischen ihnen als düsterer Vorbote des Wahnsinns, den das Paar auf dramatische Weise am eigenen Leib erfahren muss: ihr Sohn Gabriel ("die Kraft der Göttlichkeit") ist anders, manche nennen ihn krank, manche nennen ihn hintengeblieben.

In sechs Wochen schreibt er zwei Romane, in einem einzigen New Yorker Sommer, während die Cholera umgeht. Die manische Ungeduld, die sich in manchen Augenblicken bis zum Delirium steigert, nimmt in den Briefen an seine Verleger den Ton gehetzter Maßlosigkeit an, unverzüglich ist sein Lieblingswort, oft mischt sich unterdrückte Panik in seine Sätze, etwas verzweifelt Zwanghaftes, als gälte es, einen Wettlauf mit der Zeit oder dem Schicksal zu gewinnen. [...] Sein Absolutheitsanspruch allein ist Ärgernis genug, er passt nicht in das Raster der Gesellschaft, und nicht in die Literaturszene seiner Zeit. Melville, dem so viel Witz, soviel geistreicher Charme nachgesagt wird, gelingt es nicht, seine Reizbarkeit zu zügeln, seine Stimmungsschwankungen zu unterdrücken, mit denen er die Herren der literarischen Gesellschaft - ernsthafte Methodisten und humorlose, aber belesene Lektoren - befremdenden Wechselbädern aus Herzlichkeit und Angriffslust aussetzt. [...] Gibt es denn keinen Augenblick der Zufriedenheit, in dem er innehält und dem Schicksal dankt? (S. 131)

Edith reflektiert in ihren Briefen nicht nur ihr Leben, ihre große Liebe und das große gemeinsame Thema Melville, sie sucht Antworten auf das Anders-Sein ihres Sohnes, macht das unstete Leben und die vielen berufsbedingten Ortswechsel in seiner Kindheit mitverantwortlich für das zerbrechliche, unberechenbare Wesen Gabriels:

In jenem Frühsommer ging Gabriel nach der Schule hinters Haus und verstümmelte meinen Apfelbaum. Er schnitt ihm erst mit der Gartenzange die Zweige weg, sägte dann von oben nach unten die Äste ab, zuletzt den Wipfel. [...] Ich war zu entsetzt, um mich aufzuregen. Er schwieg. Was hätte er sagen sollen? Dass es für manches keine Worte gibt, sondern nur Gewalt? Dass er sich an etwas, das ich liebte, rächen musste für mein Verbot, sich zu wehren und seine Würde zu schützen?[...] Der Baum musste stellvertretend verstümmelt werden, damit wir in Frieden leben konnten, es wäre ein geringer Preis gewesen, wenn es dabei geblieben wäre. Ich wollte wissen, wie du reagierst, sagte er altklug, während er mir half, die Äste und Zweige einzusammeln. (S. 244 ff.)

Zwischen den Briefen: Gabriel, der das Haus der Großmutter in Österreich dem ehemaligen Liebhaber seiner nunmehr toten Mutter überlässt und sich in die Schweiz aufmacht, um seinen Vater aufzusuchen...

Ein wundervolles, ein dichtes Buch, das zwischen den Zeilen keinen Raum zum Atmen lässt. Herman Melvilles Biographie fügt sich wie von selbst in das Leben der Protagonisten, die Parallelen wirken niemals gekünstelt. Die Fragen, woran ein Mensch zerbrechen kann (Zeitgeist? Gesellschaft? Vererbung?...), ob er es muss oder man schützend eingreifen kann, ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman.



(Zitate aus: Anna Mitgutsch, Zwei Leben und ein Tag. Luchterhand Literaturverlag München, 2007)

Ankündigung (aktuell)


Andre Thom befindet sich mit seinem literarischen Weblog nun ebenfalls bei twoday: Spiegelschrift

nachtschatten wird die nächsten Tage noch teilweise umstrukturiert.


Eintrag vom 14.03.07:
Der literarische Gemeinschaftsblog von Marcella Grünwald und André Thom wird in den nächsten Tagen aufgelöst.
Evtl. neue Adressen oder Projekte werden dem entsprechend bekannt gegeben.
Wir danken allen Lesern.

Dienstag, 27. Februar 2007

Bis bald, Herr Soares, und gute Besserung!


Das-Buch-der-UnruheAd Fernando Pessoas „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“



Sein Werk ist ein Schritt auf das Unbekannte zu.

Es ist eine Passion. (Octavio Paz)


Fernando-Pessoa-von-Almada-NegreirosFernando Pessoa (das im Portugiesischen so viel wie "Person, Maske, Fiktion, Niemand" bedeutet) gilt heute nicht nur als der Begründer der modernen Dichtung Portugals, sondern eine der Schlüsselfiguren in der Entwicklung der zeitgenössischen Dichtung überhaupt. Er schuf Gedichte und poetische Prosatexte verschiedenster Art und Verkörperungen der Gegenstände seines Denkens und Dichtens. Das Erscheinen der Prosaaufzeichnungen Pessoas 1982 war eine literarische Sensation.



I

Litanei

Wir verwirklichen uns nie.
Wir sind zwei Abgründe – ein Brunnen, der in den Himmel schaut.

Ein Himmel, der in den Brunnen schaut.
Wir verwirklichen uns nie.

Für den Bruchteil einer Sekunde war ich über mein Sein erhaben, habe meinen Körper wie eine Hülle abgelegt und war ganz ich, war meiner Seele näher als der Erde, was ich im Grunde vermutlich immer bin, aber mir nicht immer vorzustellen vermag. ...Hauch von Musik oder Traum, irgend etwas, das beinahe fühlen lässt, irgend etwas, das kein Denken erlaubt. Verstehen heißt, das Lieben zu vergessen.


II

Mein Leben ist, als wollte man mich mit ihm schlagen.
Es ist Gewicht auf meiner Seele, wenn der Traum mich flieht, mich.
Ich sehe alles in seiner Deutlichkeit, nichts hüllt sich in Nebelschwaden.


III

Der Wert der Kunst besteht darin, daß sie uns aus dem Hier holt.
Und Literatur ist das Ziel, dem alles menschliche Bestreben gelten sollte.
Sich in Worte fassen (bewegen) heißt (über)leben.


Alles, bis auf das Leben, ist mir unerträglich geworden.
Ich schreibe nicht portugiesisch. Ich schreibe mich.


Wo sind Sie geblieben, Herr Soares?


(Zitate aus: Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2006)

Montag, 19. Februar 2007

Paul Auster, Nacht des Orakels


Natürlich sind Körper wichtig - wichtiger, als wir zuzugeben bereit sind - aber wir verlieben uns nicht in Körper, wir verlieben uns ineinander, und mag auch vieles von dem, was wir sind, auf Fleisch und Knochen beschränkt sein, so gibt es doch auch manches andere. Wir alle wissen das, aber sobald wir über den Katalog von oberflächlichen Eigenschaften und Äußerlichkeiten hinauswollen, gehen uns die Worte aus und zerfallen in mystisches Gefasel und nebulöse, substanzlose Metaphern. Manche nennen das "die Flamme des Seins". Andere sprechen vom "inneren Funken" oder vom inneren Licht des Ich". Wiederum andere sprechen vom "Feuer der Wesenheit". Stets handelt es sich um Bilder von Wärme und Licht, und jene Energie, die Essenz des Lebens, die wir manchmal als "Seele" bezeichnen, wird einem anderen Menschen immer durch die Augen vermittelt. Zweifellos hatten die Dichter Recht, auf diesen Punkt zu beharren. Das Mysterium des Verlangens beginnt mit dem Blick in die Augen des Geliebten, weil man nur dort etwas vom Wesen des anderen erhaschen kann.

Donnerstag, 25. Januar 2007

Hinter den Nachtschatten


von Marcella Grünwald und André Thom

02:03

Das gelbe Scheinwerferlicht treibt die Nacht vor uns her, sonst gibt es nichts, außer einer Ahnung, die mit dem aufkeimenden Licht auf der Gegenfahrbahn zu Schemen heranwächst, aufkreischt, die Schatten der Länge nach wieder ins Dunkle fallen lässt.
Rote Rücklichter kommen und gehen.
Durch die Regenschlieren auf der Fensterscheibe zeigen sie ihre Flügel, das gestauchte Licht.
Ich weiß nicht, wo ich bin, wo wir sind, wo du atmest, wo hier ist.

Ich atme, wo wir sind. Wir sind Atem und Schlaf. Die Rücklichter malen Bilder auf meine geschlossenen Lider, die treibenden Augen der Träume. Mein Denken und Fühlen ist auf sie gerichtet. Doch sie bringen nicht die ersehnte Finsternis. Der Schlaf kann seine Pflicht nicht tun neben deinem Atem. Ich weiß, dass du mich ansiehst.

Ich werde müde. Meine Gedanken bleiben hängen an jedem überholten Wagen.
Das Dunkle fällt mit jedem aufkeimendem Licht von der Gegenfahrbahn, das die Ahnung von Draußen zu Schemen heranwachsen lässt. Der Länge nach treibt das gelbe Scheinwerferlicht die aufkreischenden Schatten vor uns her. Sonst gibt es nichts.
Rote Rücklichter. Ich werde müde. Autobahn, Nervenbahn, überall, nirgendwo.
Ich höre das Brummen des Motors, dein Schlaf bleibt stumm.

Ich bleibe stumm. Statt auch nur ein Wort über meine Lippen kommen zu lassen, führe ich ein Zwiegespräch mit meinem Herzschlag. Lichter und Schatten flackern und tauchen in unseren Gesichtern. Meine Augen bleiben geschlossen. Der Schlaf hat mich hier zurückgelassen. Und ich vergesse für einen Atemzug tatsächlich, wo hier ist. Wie spät es wohl sein mag?

02:46


Zeit spielt keine Rolle, hier. Fahren ist ein Zwischendrin.
Ich schaue nicht zu dir herüber. Du hast schon schöner geschlafen.

Der Regen wird stärker, macht mich unruhig. Ich erinnere mich an irgendetwas, doch bevor ich den Gedanken festhalten kann, verschwindet er mit den Lichtern. Rauch.

Zigaretten. Rauch. Im Rachen ein Gefühl nach Sedimenten.
Das Radio geht nicht.
Regentropfen werfen das Licht der Scheinwerfer auf der Gegenfahrbahn wie Staub in meine müden Augen. Im schwarzen Himmel wachsen, wie kleine Blüten, weiße Regentropfensterne.
Scheibenwischer zeichnen ein ganz anderes Bild.

Nicht einschlafen. Erinnere dich an etwas, irgendwas.
Es ist schwer in dieser Seifenlichtblase, in denen die Schemen rasen und fallen, den Reflektionen des Gedächtnisflusses zu folgen ohne darin gleichzeitig ein Jetzt zu befühlen. Ich lausche zu dir hinüber, aber auch du bist hier.

Ich bin hier, atme deinen Atem, atme den Rauch deiner Zigarette. Ich stelle mir vor, wie müde du bist. Du weißt nicht wo du bist. Du weißt nicht, wo ich bin. Ich werde dir den Weg nicht zeigen, du bist zu spät. Was gäbe ich für nur einen Zug von deiner Zigarette. Ich blinzle. Du schenkst mir keine Beachtung. Ich zähle die Motorengeräusche der vorbeifahrenden Fahrzeuge. Ich lasse mich auf den Schlaf ein, doch er tanzt im Netzhautflimmern davon.

Bloß nicht einschlafen. Rauchen. Sedimente. Rachen.

Es regnet nicht mehr, die Scheiben beginnen zu trocknen. Das spielt keine Rolle.
Aufkeimende Lichter drehen die Schatten in Halbkreisen an uns vorüber.
Die Rücklichter haben ihre Flügel eingezogen. Das Radio bleibt stumm.

03:25

Ich schaue jetzt zu dir hinüber, du schläfst nicht mehr.
Deine Blicke folgen den Schattenschnitten einer unbeweglichen Welt.

Ich hebe die Lider. Mit müden Augen blicke ich durch die Seitenscheibe und lasse die Welt draußen an mit vorüberziehen. Dort gibt es nichts. Eine Dunkelheit voller Schatten. Alles verschmilzt. Das Radio geht nicht. Ich seufze, wende den Kopf unwillig in deine Richtung, halte inne und lausche dem Klang meiner eigenen Stimme, ich sage:

„Sind wir bald da?“, sprichst du mehr zu deinem Spiegelbild im Seitenfenster als zu mir.
Das Spiegelbild verstummt, Licht in den Haarspitzen, Augen zwischen den rasenden schwarzen Baumfassaden. Gerade war ich noch müde.
Jetzt bist du wach und mit dir alle Vorwürfe, auch meine.
Ich trete aufs Gas, aber nicht wegen dir. Ich wünschte das Radio würde wenigstens leise rauschen, aber alles was aus den Boxen kommt ist Stille.
„Nein, sind wir nicht. Wir fahren über 350 Kilometer in den Norden und das Auto ist voll beladen. Du ziehst um, schon vergessen? Du wirst dort leben und wohnen und dich bald nicht mehr an mich erinnern.“ Ich wollte das nicht sagen. Ich bin übermüdet.
Sonst gibt es nichts.

Wieso sagst du so etwas, jetzt, hier? Ich erinnere mich doch. Ich erinnere mich.

Du schaust mich nicht an. Du schaust dich an.
Vor uns her treibt die Nacht, Brandung an der gelben Küste des Scheinwerferlichts, die Schemen einer Ahnung keimen in den Lichtern auf der Gegenfahrbahn, sie lassen die Schatten in Halbkreisen kreischen und gleiten wieder zurück ins Dunkel, wo sie dem Nichts verfallen.

„Tut mir Leid. Ich werde dich dort oft besuchen.“ Ich schweige Wut, Tränen, Rauch, aber ich muss nicht einmal husten.

In den Spiegelungen sehe ich dein abgewandtes Gesicht. Du drückst die Zigarette neben dem Aschenbecher aus und merkst es zu spät. Wütende, rote Glut tropft aufgescheucht auf den Boden, du zuckst, aber belässt es dabei. Ich weiß, du willst, dass ich etwas sage, etwas, irgendetwas, aber das Schweigen zwischen uns hast du geschaffen, ich suche nur darin nach alten, längst verlorenen Worten.

03:29


03:30

drei uhr einunddreißig

zweiunddreißig

03:32

Drei Uhr und dreiunddreißig. Kein Auto weit und breit. Wie ein Boot treiben wir durch die Nacht, überall ist Nichts. Wenn ich nicht bald etwas sage versinken wir im Schwei-

„Du hast immer noch unsere Freunde, du bist ja nicht allein.“ Meine Stimme schwingt und zerbricht in der Stimmlage zwischen Flüstern und Sprechen.

„Ach, unsere dämlichen Freunde sind deine Freunde. Ich bin immer der Typ, der dein Freund ist. Mehr nicht. Anders passe ich da nicht rein.“ Ich konzentriere mich auf die Digitaluhr, die zwischen uns in den Raum leuchtet wie eine Reklametafel. Sekundenatmen. Minutenzählen. Die Stunden bleiben einfach fern.

03:34

03:35

03:36

03:37

03:38

03:38

03:38

Das Schweigen ist wieder zwischen uns. Es baut die Mauer immer höher und es macht mich beinahe wahnsinnig. Du lenkst den Wagen wie ein Irrsinniger, wie einen Kahn ohne Ruder.
Ich kann dir nicht helfen.

Ich habe eine Ahnung vom Draußen. Immer noch kein Licht außer dem unseren, das die Schatten wie eine Gischt vorantreibt. Die Scheibe ist trocken, die Straße ist eine Erscheinung hinter der porösen Staubschicht. Im Innern leuchten die Anzeigen: Tacho, Warnblinker und so weiter. Ich fühle mich wie ein Schiffbrüchiger. Ich bin müde. Dann geh doch.

Ich bin schon weiter weg, als ich dachte.

Drei Uhr Vierzig.


„Wir sind bald da.“ Ich flüstere beinahe. Huste die Worte verschluckend in den Raum.
Dabei weiß ich nicht einmal wo wir jetzt sind. Ich weiß nicht, wo hier ist.
Ich sehe das glutrote Leuchten der Uhr, aber ich weiß nicht, was das heißt: 03:41.
Das gelbe Scheinwerferlicht treibt die Nacht vor uns her, sonst gibt es nichts, außer einer Ahnung, die mit dem aufkeimenden Licht auf der Gegenfahrbahn zu Schemen heranwächst, aufkreischt und die Schatten der Länge nach wieder ins Dunkle fallen lässt.
Ich fahre, sonst gibt es nichts.

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Perkampus - 28. Mrz, 19:04
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finster - 27. Mrz, 21:14

Begleiter



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herz.rhythmus.störung

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Zuletzt aktualisiert: 5. Jan, 20:30

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