Gelesen & Kommentiert

Freitag, 25. Mai 2007

Unantastbar

Die-Liebe-in-den-Zeiten-der-CholeraDie Menschen werden nicht immer an dem Tag geboren, an dem ihre Mütter sie zur Welt bringen, sondern das Leben zwingt sie dazu, sich noch einmal oder auch mehrere Male selbst zu gebären.
„El amor en los tiempos del cólera“ erscheint 1985 zum ersten Mal. Im Jahre 1987 liegt die deutsche Übersetzung vor, die den Titel „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ trägt.

Postkoloniales Kolumbien, Ende des 19. Jahrhunderts: 51 Jahre, 9 Monate und 4 Tage wartet Florentino Ariza auf Fermina Daza. Der schüchterne Florentino Ariza verliebt sich unsterblich in die schöne, distanzierte Fermina Daza. Er ist regelrecht besessen davon, ihr Herz zu gewinnen und verbringt lange Zeit damit, seiner Geliebten Briefe zu schicken, die sie nur zögerlich beantwortet. Schließlich erhört sie ihn. Die stürmischen Liebesbezeugungen der beiden, die sich standesgemäß nicht alleine sehen können, enden abrupt. Fermina Daza entscheidet sich für eine Vernunftehe mit dem gut betuchten Doktor Juvenal Urbino, der später zum Mentor der Stadt ernannt wird.
In der Zwischenzeit stürzt sich Florentino Ariza frei nach dem Motto „untreu, aber nicht treulos“ in die Arme von anderen Frauen, Fermina Daza aber kann er über die Jahre nicht vergessen. Die respektvolle Ehe hält über fünfzig Jahre: Im Alter von 81 Jahren stirbt Doktor Juvenal Urbino einen tragikomischen Tod (er stürzt beim Versuch, den Papagei seiner Frau einzufangen, von einem Mangobaum). Florention Ariza ist zur Stelle, mit der festen Überzeugung, sein Vorhaben diesmal in die Tat umzusetzen und das Herz der stolzen Witwe zu erobern.

Márquez teilt den knapp 500 Seiten langen Roman in drei große Teile, in denen er die Entwicklung der drei Hauptfiguren Fermina Daza, Juvenal Urbino und Florentino Ariza bis ins hohe Alter beleuchtet. Die Milieuschilderungen und die detaillierte Beschreibung der Umgebung zählen zum Herzstück des Romans. Die zuweilen etwas eindimensionale Darstellung der Figuren vermag so den Lesegenuss nicht zu mindern. Die kulturellen, historischen und sozialen Hintergründe bilden das eindrucksvolle Gerüst des Romans, auf dem Márquez seine Liebenden auf die Irrfahrt schickt.

Kritisiert wurde Márquez nach der Erstveröffentlichung in erster Linie wegen des fehlenden Urteilens im Roman (auch: fehlende Sozialkritik). Es gibt kein Gut und Böse, kein schwarz und weiß – zu keiner Zeit richtet Márquez die politische Situation um die Jahrhundertwende. Auch seine Figuren werden keiner Wertung unterzogen, scheinbar niemals moralisch verurteilt: Die Liebe ist bei Márquez unantastbar.

In seiner Autobiographie „Leben, um davon zu erzählen“ (im Original „Vivir para contarla“) aus dem Jahr 2002 schreibt Gabriel García Márquez, „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ erzähle die Geschichte seiner Eltern. Das Schaffen des Literaturnobelpreisträgers (1982 für „Hundert Jahre Einsamkeit“) kann man zum magischen Realismus zählen.
Der Roman ist in keiner Weise realistisch angesetzt, sondern malt vielmehr das märchenhafte Bild eines Utopia der ehelichen und außerehelichen Liebe zwischen Mann und Frau.
Die Cholera, die im Titel erwähnt wird, spielt im Roman eine untergeordnete Rolle und hat ihren großen Auftritt im ironischen Vergleich, in dem Márquez ihre Symptome mit denen der Liebe und des Liebesleidens gleichsetzt. Márquez schildert die Liebe in ihren Variationen hoffnungslos romantisch und zugleich brutal ironisch als eine Krankheit, die den Menschen völlig unerwartet anfällt, ihn so sehr verändern kann, dass er sich selbst nicht mehr erkennt, um ihn dann entkräftet, mit viel Glück vielleicht sogar lebend zurückzulassen.
„Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ ist nicht nur ein Hohelied auf die Liebe, wie es treffend beschrieben wird, sondern ein Hohelied auf das Leben und das Lebenwollen, beinahe auch ein Hohelied auf den Tod, der angesichts der großen Gefühle jeglichen Schrecken verliert und den die beiden Liebenden im hohen Alter mit Gelassenheit erwarten.

…und erschrak über den späten Verdacht, dass nicht so sehr der Tod, vielmehr das Leben keine Grenzen kennt.

(Zitate aus: Die Liebe in den Zeiten der Cholera, Gabriel García Márquez. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2. Auflage 2005)

Sonntag, 29. April 2007

Leider nein

Die alltägliche Physik des Unglücks, Marisha PesslDas auffälligste, schönste und klügste Debüt seit Jonathan Safran Foers "Alles ist erleuchtet". New York Times


Natürlich: derartige Worte locken und betäuben, sie sind zu nichts anderem nütze und auch ich habe neugierig zugegriffen, da ich das erwähnte Buch von Jonathan Safran Foer (ein Geschenk) während der Lektüre zu schätzen lernte.

Anders erging es mir mit Marisha Pessls Debut "Die alltägliche Physik des Unglücks" (selbst der Titel ist noch bestechend), das dem Hype von Verlag und Buchmarkt (auf dem Buchrücken ein begeisterter Jonathan Franzen) meiner Meinung nach nicht annähernd gerecht werden kann. Ich habe nun nicht vor wie viele andere Rezensenten die Zitierwut der Autorin und die Langatmigkeit des Romanes zu kritisieren; auch die Handlung bleibt bis zum (abstrusen, aber glaubwürdigen) Ende hin gut nachvollziehbar. Und dennoch: Die aufgebauten Spannungsbögen brechen immer wieder unvermittelt ab (nach einem gelungenen Einstieg, für den hauptsächlich eine mysteriöse Tote verantwortlich ist, verliert die Geschichte an Schwung und kann erst gegen Ende des Romans wieder aufholen); es ist kein wirklicher Krimi, keine wirkliche Milieustudie, kein großartiger Einblick in das unstete Leben einer sechzehnjährigen Hochbegabten. Die Figuren sind zu oberflächlich gezeichnet, auch wenn die Autorin stellenweise zu sehr detaillierten Situationsbeschreibungen neigt: sie bleiben Hüllen, Stereotyp, Vorurteil und Klischee oder Rätsel (wobei ich letzterem den Vorzug gebe). Die einzige Person, die man während der Lektüre kennen und schätzen lernt, die sensibel und akribisch beleuchtet wird ist Gareth van Meer, Universitätsprofessor und Vater von Ich-Erzählerin Blue:

Halbwaise Blue und ihr Vater Gareth führen ein Zigeunerleben in den Vereinigten Staaten; bis zu drei Umzüge im Jahr. Das Mädchen hat keine anderen Bezugspersonen, dafür hat sie viel Zeit für Bücher und verbringt jede freie Minute mit ihrem Vater, den sie abgöttisch liebt. Das letzte Highschool-Jahr vor dem College soll anders werden: Vater und Tochter werden sesshaft. Gareth mietet ein Haus und arbeitet als Gastdozent, Blue besucht die Privatschule in St. Gallway und soll das Schuljahr über ihren Platz in Harvard sichern. Ihre Außenseiterrolle wandelt sich ins Gegenteil, als sie die Aufmerksamkeit einer kleinen Gruppe elitärer und vielbewunderter Schüler erregt, die von Lehrerin Hannah Schneider protegiert wird (Schneider wird über das Ende hinaus zum großen Fragezeichen stilisiert). Blue wird auf Drängen von Hannah "aufgenommen" und zu den wöchentlichen Treffen eingeladen (Worte zu den Dialogen werde ich mir an dieser Stelle sparen):
"Jesus", rief Jade von irgendwoher. "Was ist denn mit der los?"
Vom Fußboden ging ein breites Spektrum unterschiedlicher Wellen aus.
"Was hast du ihr zu trinken gegeben?", fragte Milton.
"Nichts. Einen Mudslinger."
"Hab ich dir nicht gesagt, du sollst ihr Milch geben?", sagte Nigel.
"Ich hab ihr einen Martini eingeschenkt", fügte Leulah hinzu.
Plötzlich lag ich auf dem Boden und blickte zu den Sternen empor.
"Meinst du, sie stirbt?", fragte Jade.
"Wir sollten sie lieber ins Krankenhaus bringen", sagte Charles.
"Oder Hannah anrufen", sagte Lu. (S. 145)

Die seltsame Lehrer-Schüler Freundschaft wird durch das Schuljahr begleitet (Gareth beginnt eine Affäre mit einer Lehrerin von Blues Schule, Blue macht zum ersten Mal Bekanntschaft mit Alkohol und Makeup, schließlich ein tödlicher Unfall auf Hannahs Kostümparty) und zuletzt vollends zerrüttet, als Hannah bei einem Campingausflug tot aufgefunden wird. Pessl beginnt den Roman mit der Eröffnung von Hannah Schneiders Tod (die Autorin sagt, sie hätte den Roman ohne dieses Szene wohl gar nicht geschrieben) und lässt die kluge Blue nach über fünfhundert Romanseiten ein Netz spinnen, das Hannahs Tod, den Unfalltod auf der Kostümparty und ihren Vater auf unangenehme Weise miteinander in Verbindung bringt. Blues kurzes Verweilen in einem geordneten Leben mit sozialen Bindungen bricht abrupt auseinander.

Blue van Meers Entwicklung vom unbedarften, gebildeten Kind zu einer selbstständigen, jungen Erwachsenen wird vage angedeutet, ihre Abgebrühtheit gegen Ende wirkt schlicht unglaubwürdig.

Beim Gedanken an das Wort "Jahrhundertbuch" überfallen mich Bauchschmerzen.

Was mir am besten von der Lektüre in Erinnerung blieb, ist leider nicht ein Satz der Autorin, sondern ein zitierter Satz der altklugen Blue (wobei ich mir hier nicht hundertprozentig sicher bin, sind die meisten Zitate aus Werken der Weltliteratur, aber auch einige fiktiv, aber immer mit Quellenangabe), die man als wandelnde Zitatsammlung bezeichnen könnte: Wir alle sind Würmer, aber ich glaube, ich bin ein Glühwürmchen. (S. 496)
Die Homepage ist einen Blick wert: Special topics in calamity physics

(Zitate aus: Die alltägliche Physik des Unglücks, Marisha Pessl. Fischer Verlag, Frankfurt, 2007)

Freitag, 23. März 2007

Ich kenne Herman Melville


Zwei-Leben-und-ein-TagAnna Mitgutschs Roman "Zwei Leben und ein Tag" ist eines der Bücher, über das ich zufällig gestolpert bin. "Es ist einen Buch über einen Außenseiter": dieser schlichte Satz (so oder so ähnlich aus dem Munde der österreichischen Autorin) reichte für mich aus, um beim nächsten Bücherkauf nicht daran vorbeizukommen. Man möchte am liebsten Seiten weise zitieren, das Buch ist trotz der eher schlicht gewählten Worte der Autorin ein wahres Schatzkästchen an denkwürdigen und "nach/denk"würdigen Wortgebilden:

In der Literatur lieben wir jene, die dem Leben nicht gewachsen sind, wir finden uns selber in ihnen wieder, missverstanden und tragisch in unserem Scheitern. Stellvertretend für uns sind sie die Sündenböcke, die vom Felsen in die Wüste gestoßen werden, deren Blut vergossen wird, damit wir selber unverwundbar bleiben dürfen, auf dem Altar der Literatur werden sie an unserer Statt geopfert. Die Wirklichkeit ist weniger grandios und weniger ergreifend. (S. 128)

Edith und Leonards Ehe ist gescheitert. Lange nach der Trennung schreibt Edith Briefe an Leonard, in denen sie ihrer beider Leben Revue passieren lässt, immer präsent: Herman Melville, der leidenschaftliche und exzentrische Geist, der auf beide eine große Faszination ausübte. Wie ein Schatten begleitet er sie durch die gemeinsamen Jahre, geht zwischen ihnen als düsterer Vorbote des Wahnsinns, den das Paar auf dramatische Weise am eigenen Leib erfahren muss: ihr Sohn Gabriel ("die Kraft der Göttlichkeit") ist anders, manche nennen ihn krank, manche nennen ihn hintengeblieben.

In sechs Wochen schreibt er zwei Romane, in einem einzigen New Yorker Sommer, während die Cholera umgeht. Die manische Ungeduld, die sich in manchen Augenblicken bis zum Delirium steigert, nimmt in den Briefen an seine Verleger den Ton gehetzter Maßlosigkeit an, unverzüglich ist sein Lieblingswort, oft mischt sich unterdrückte Panik in seine Sätze, etwas verzweifelt Zwanghaftes, als gälte es, einen Wettlauf mit der Zeit oder dem Schicksal zu gewinnen. [...] Sein Absolutheitsanspruch allein ist Ärgernis genug, er passt nicht in das Raster der Gesellschaft, und nicht in die Literaturszene seiner Zeit. Melville, dem so viel Witz, soviel geistreicher Charme nachgesagt wird, gelingt es nicht, seine Reizbarkeit zu zügeln, seine Stimmungsschwankungen zu unterdrücken, mit denen er die Herren der literarischen Gesellschaft - ernsthafte Methodisten und humorlose, aber belesene Lektoren - befremdenden Wechselbädern aus Herzlichkeit und Angriffslust aussetzt. [...] Gibt es denn keinen Augenblick der Zufriedenheit, in dem er innehält und dem Schicksal dankt? (S. 131)

Edith reflektiert in ihren Briefen nicht nur ihr Leben, ihre große Liebe und das große gemeinsame Thema Melville, sie sucht Antworten auf das Anders-Sein ihres Sohnes, macht das unstete Leben und die vielen berufsbedingten Ortswechsel in seiner Kindheit mitverantwortlich für das zerbrechliche, unberechenbare Wesen Gabriels:

In jenem Frühsommer ging Gabriel nach der Schule hinters Haus und verstümmelte meinen Apfelbaum. Er schnitt ihm erst mit der Gartenzange die Zweige weg, sägte dann von oben nach unten die Äste ab, zuletzt den Wipfel. [...] Ich war zu entsetzt, um mich aufzuregen. Er schwieg. Was hätte er sagen sollen? Dass es für manches keine Worte gibt, sondern nur Gewalt? Dass er sich an etwas, das ich liebte, rächen musste für mein Verbot, sich zu wehren und seine Würde zu schützen?[...] Der Baum musste stellvertretend verstümmelt werden, damit wir in Frieden leben konnten, es wäre ein geringer Preis gewesen, wenn es dabei geblieben wäre. Ich wollte wissen, wie du reagierst, sagte er altklug, während er mir half, die Äste und Zweige einzusammeln. (S. 244 ff.)

Zwischen den Briefen: Gabriel, der das Haus der Großmutter in Österreich dem ehemaligen Liebhaber seiner nunmehr toten Mutter überlässt und sich in die Schweiz aufmacht, um seinen Vater aufzusuchen...

Ein wundervolles, ein dichtes Buch, das zwischen den Zeilen keinen Raum zum Atmen lässt. Herman Melvilles Biographie fügt sich wie von selbst in das Leben der Protagonisten, die Parallelen wirken niemals gekünstelt. Die Fragen, woran ein Mensch zerbrechen kann (Zeitgeist? Gesellschaft? Vererbung?...), ob er es muss oder man schützend eingreifen kann, ziehen sich wie ein roter Faden durch den Roman.



(Zitate aus: Anna Mitgutsch, Zwei Leben und ein Tag. Luchterhand Literaturverlag München, 2007)

Dienstag, 27. Februar 2007

Bis bald, Herr Soares, und gute Besserung!


Das-Buch-der-UnruheAd Fernando Pessoas „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“



Sein Werk ist ein Schritt auf das Unbekannte zu.

Es ist eine Passion. (Octavio Paz)


Fernando-Pessoa-von-Almada-NegreirosFernando Pessoa (das im Portugiesischen so viel wie "Person, Maske, Fiktion, Niemand" bedeutet) gilt heute nicht nur als der Begründer der modernen Dichtung Portugals, sondern eine der Schlüsselfiguren in der Entwicklung der zeitgenössischen Dichtung überhaupt. Er schuf Gedichte und poetische Prosatexte verschiedenster Art und Verkörperungen der Gegenstände seines Denkens und Dichtens. Das Erscheinen der Prosaaufzeichnungen Pessoas 1982 war eine literarische Sensation.



I

Litanei

Wir verwirklichen uns nie.
Wir sind zwei Abgründe – ein Brunnen, der in den Himmel schaut.

Ein Himmel, der in den Brunnen schaut.
Wir verwirklichen uns nie.

Für den Bruchteil einer Sekunde war ich über mein Sein erhaben, habe meinen Körper wie eine Hülle abgelegt und war ganz ich, war meiner Seele näher als der Erde, was ich im Grunde vermutlich immer bin, aber mir nicht immer vorzustellen vermag. ...Hauch von Musik oder Traum, irgend etwas, das beinahe fühlen lässt, irgend etwas, das kein Denken erlaubt. Verstehen heißt, das Lieben zu vergessen.


II

Mein Leben ist, als wollte man mich mit ihm schlagen.
Es ist Gewicht auf meiner Seele, wenn der Traum mich flieht, mich.
Ich sehe alles in seiner Deutlichkeit, nichts hüllt sich in Nebelschwaden.


III

Der Wert der Kunst besteht darin, daß sie uns aus dem Hier holt.
Und Literatur ist das Ziel, dem alles menschliche Bestreben gelten sollte.
Sich in Worte fassen (bewegen) heißt (über)leben.


Alles, bis auf das Leben, ist mir unerträglich geworden.
Ich schreibe nicht portugiesisch. Ich schreibe mich.


Wo sind Sie geblieben, Herr Soares?


(Zitate aus: Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2006)

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